Die Regel des Monats

In unserer Rubrik "Regel des Monats" versucht sich jeden Monat eine prominente Persönlichkeit daran, euch die kniffligsten Fußballregeln zu erklären. Egal ob Abseits, grobes Foulspiel oder indirekter Freistoß, was den Fußball angeht, wissen unsere Leute Bescheid. Diesen Monat erklär euch Moderatorin Sabine Christiansen, was die Faszination beim Elfmeterschießen ausmacht.

Das Elfmeterschießen

Sabine Christiansen ist eine der erfolgreichsten Moderatorinnen Deutschlands und Hertha-Mitglied. Hier mit Hertha-Präsident Bernd Schiphorst

Wir erinnern uns gerne zurück: Ein schöner, lauer Sommerabend in Deutschland. Die Sonne hat sich noch nicht vertreiben lassen. So als wolle sie, wie all die anderen, die letzten Minuten des Tages auf gar keinen Fall verpassen. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Der Argentinier läuft an. Jens Lehmann springt ab. Und hält den Ball. Die Deutsche Elf, Deutschland, WIR sind im Halbfinale. Die Sonne lacht und verzieht sich zufrieden hinter den Horizont.

Das Elfmeterschießen hat seine ganz eigene Faszination

Kaum jemand in Deutschland hat diese Szenen aus dem Sommer 2006 vergessen. An das Spiel selbst erinnern sich nur noch wenige: An das Glück, das der Deutschen Elf (zu Recht!) hold war, an die beiden Tore von Ayala und Klose und die eher zähe Verlängerung. Doch das Elfmeterschießen ist allen im Gedächtnis geblieben: Der Zettel, auf dem die Lieblingsecken der Argentinier standen, die Glückwünsche von Oliver Kahn an Jens Lehmann und die trotzig in den Abendhimmel des Berliner Olympiastadions gehaltene Faust des Deutschen Torhüters nach dem letzten gehaltenen Elfmeter. Natürlich erinnern wir uns vor allem wegen des Erfolges daran. Doch das Elfmeterschießen hat ganz davon abgesehen seine eigene Faszination.

Beim Elfmeterschießen können aus Helden Versager und aus Versager Helden werden. Erfolg und Misserfolg liegen so nah beieinander, wie die neuen hautengen Trikots an den Oberkörpern der Spieler. Es ist das Duell zwischen dem Schützen und dem Torwart. Er hat nur einen Versuch, den Ball im Tor unterzubringen. Wenn er ihn vergibt, hat er versagt. Nur beim Elfmeterschießen hängen an einem einzigen Schuss ganze Schicksale. Doch wo kommt dieses spannungsgeladene Wettschießen eigentlich her? Zu verdanken haben wir das den Iren, die die Urform des Elfmeters, den "Strafstoß" zunächst einmal als Ausgleich für die benachteiligte Mannschaft schufen. Strafstoß gab es immer dann, wenn ein Spieler "seinem Gegner absichtlich ein Bein gestellt hat oder trat." Das war 1891. Erst 150 Jahre später wurde der Strafstoß dann auch zur Entscheidung eines Spiels bei einem Unentschieden genutzt. Die Geburtsstunde des Elfmeterschießens.

Elfmeterschießen dank einem deutschen Schiedsrichter

Vielleicht hatte der deutsche Schiedsrichter Karl Wald damals im Jahre 1970 schon eine Vorahnung, als er den unbefriedigenden Münzwurf und den nicht minder unfairen Losentscheid abschaffen wollte. Denn bis zur durch ihn in die Wege geleiteten Regeländerung wurden unentschiedene Spiele bei Welt- und Europameisterschaften durch eben solche "Verlosungen" entschieden. Wald setzte die Regeländerung in Deutschland durch, wenig später wurde sie auch von der FIFA übernommen. Beim ersten Elfmeterschießen bei einem großen Turnier hatte Deutschland zwar zunächst einmal das Nachsehen. Bei der EM 1976 wurde Uli Hoeneß zum tragischen Helden und sorgte damit für den einzigen Titel der Tschechoslowakei. Allerdings ist es uns, denke ich, lieber, das erste zu verlieren und dafür dann so gut wie alle folgenden zu gewinnen, oder?

Denn genau so war es dann auch. Die Deutsche Elf hat bis heute bei Weltmeisterschaften noch nie ein Elfmeterschießen verloren. Zwischen Deutschland und England ist daraus sogar eine richtige Rivalität entstanden. Schließlich sind die Engländer seit 1990 bei nahezu jedem Turnier im Elfmeterschießen gescheitert. Zweimal davon gegen Deutschland. Daher kommt wohl auch die Vorfreude auf das "Duell vom Punkt", die sich bei uns immer dann einstellt, wenn die Verlängerung sich dem Ende zuneigt. Wir wurden von dieser "Lotterie", wie das Elfmeterschießen wegen seines Glücksspiel-Charakters auch genannt wird, eben einfach noch nie enttäuscht. Die anderen Nationalteams haben dagegen sogar richtig Angst davor, gegen die Deutschen ins Elfmeterschießen zu müssen. Deswegen hat sich Italien im Halbfinale auch nicht auf sein Glück verlassen, sondern selbst eine Minute vor Schluss noch auf das Siegtor gedrängt. Leider mit Erfolg.

Eines der erfolgreichsten Exportprodukte unseres Landes

Das Elfmeterschießen hat zahlreiche tragische und gefeierte Helden hervorgebracht, durch die es in der ganzen Welt zur Faszination wurde. Es ist quasi, dank eines deutschen Schiedsrichters, eines der erfolgreichsten Exportprodukte unseres Landes. Es wird überall in der Welt praktiziert. Da konnten selbst einige Fußballfunktionäre nichts gegen anrichten, die immer wieder versuchten, es mithilfe von Golden- und Silver-Goals entbehrlich zu machen. Aber: Das Elfmeterschießen hat sich bewährt. Zum Leid von England. Aber zugunsten der Spannung. Und, machen wir uns nichts vor: auch von uns Deutschen.

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