Die Regel des Monats

In unserer Rubrik "Regel des Monats" versucht sich jede Woche eine prominente Frau daran, euch die kniffligsten Fußballregeln zu erklären. Egal ob Abseits, grobes Foulspiel oder indirekter Freistoß, was den Fußball angeht, wissen unsere Frauen Bescheid.

Moderatorin Anastasia

Was wird in der Gesellschaft nicht über Maße diskutiert. Hier wird jemandem unterstellt, er hätte sich operieren lassen, dort werden Models als zu dick betitelt, die nicht mal 50 Kilogramm wiegen. Maße sind polarisierend. Ist das schon mal jemandem aufgefallen? Und das liegt nur daran, dass es mal jemanden gegeben haben muss, der ein bestimmtes Maß als Ideal vorgegeben hat. 90-60-90 ist so ein Maß. Oder Schuhgröße 38. Wer daneben liegt, kann zwar heutzutage Gott sei dank auf weitere Größen zurückgreifen, als Norm(al) gilt trotzdem das Ideal. Wie sieht das eigentlich beim Fußball aus? Gibt es auf dem Platz Maße, die vorgegeben sind, von denen man aber abweichen darf? Ist alles genau reglementiert und wenn ja, warum? Das alles erklärt euch in diesem Monat MTV-Moderatorin Anastasia.

Von Anastasia

Ich finde es schon merkwürdig, dass eine Mauer beim Fußball genau 9,15 Meter vom Ball entfernt stehen muss. Ich meine, wer hat sich denn dieses Maß ausgedacht? Woher kommen die 15 Zentimeter? Die Antwort kommt, natürlich, aus dem Mutterland des Fußballs – aus England. Von dort haben wir die 9,15 Meter quasi importiert. Denn der Fußball-Weltverband FIFA stellte 1913 die Regel des "gebührenden Abstands" auf. "Gebührend" bzw. angemessen sollte dieser Abstand sein. Und da der von der FIFA auf zehn englische Yards festgelegt wurde, übernahm man genau dieses Maß auch für den deutschen Fußball. Ein Yard ist umgerechnet und aufgerundet (ein Yard sind drei Fuß; ein Fuß sind zwölf Zoll, ein Zoll sind 25,4 Millimeter: 36 Zoll x 25,4 Millimeter = 9,144 Meter, klar oder?) 9,15 Meter. Die meisten Schiedsrichter, das ist jedenfalls meine Beobachtung, nehmen das aber ohnehin nicht so genau und machen einfach neun Schritte vom Ball weg. Aber irgendwo muss so etwas ja auch geregelt sein.

Schräge und ungerade Zahlen

Schräge und ungerade Zahlen ziehen sich – den Briten sei Dank - übrigens durch das gesamte Regelwerk des Fußballs. Das Tor zum Beispiel muss genau 7,32 Meter (acht Yards) breit und 2,44 Meter (acht Fuß) hoch sein. Begonnen hat das alles mit einer Schnur, die irgendjemand in dieser Höhe zwischen den beiden Pfosten, die eben diese acht Fuß auseinanderstanden, aufgehängt hat. Und weil es sich auf der Insel bewährt hatte, behielt man es einfach so bei.

Beim Ball an sich ist das allerdings anders und wird - wahrscheinlich auch deswegen - erst richtig kompliziert. Denn:

  • der Umfang des Balles darf bei Spielbeginn nicht mehr als 71 und nicht weniger als 68 cm betragen. Das Gewicht darf zu Beginn nicht mehr als 453 und nicht weniger als 386 Gramm sein. Der Druck soll 0,6 bar oder 0,7 atü entsprechen.

Umfang, Gewicht und Druck

Alles klar? Umfang, Gewicht, Druck. Klingt für mich nach höherer Physik und genau das ist es auch. Denn diese Werte haben sich mit der Zeit im Labor der Ballhersteller als ideal erwiesen. Zu Beginn spielte nämlich jede Mannschaft mit "ihrem" eigenen Ball, der aus einer mit Lederhaut umwickelten Schweinsblase und per Hand hergestellt wurde. Dass dabei teilweise mehr mit eiförmigen Lumpen gespielt wurde, als mit Bällen, kann man sich vorstellen. Eine Legende besagt, dass Uruguay bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 im eigenen Land nur deshalb Weltmeister wurde, weil sie in der zweiten Halbzeit des Finales mit "ihrem" Ball spielen durften.

Zwei Dinge sind mir bei der Betrachtung der Maße beim Fußball ganz besonders aufgefallen. Denn obwohl die Regelerfinder bei den Abmessungen der bisher genannten Dinge so überaus penibel waren, ist das bei den Spielfeldmaßen nicht mehr der Fall. Ein Spielfeld kann zwischen 90 und 120 Meter lang und zwischen 45 und 90 Meter breit sein. Das ist im äußersten Fall ein Unterschied von 6750 Quadratmetern!!! Wie sieht das aus, wenn eine Mannschaft ihre Heimspiele auf einem 45x90 Meter großen Feld stattfinden lässt und dann ein Auswärtsspiel auf einem 90x120 Meter großen Platz austragen muss? Die wissen doch gar nichts mit dem ganzen Platz anzufangen. Umgekehrt wird sich die Mannschaft, die auf so einem kleinen Platz spielen muss, reichlich eingeengt fühlen. Komische Bestimmungen, die noch absurder werden, wenn man den Strafraum betrachtet.

Kleine und große Plätze

Denn hinzukommt, dass dieser natürlich nicht proportional kleiner wird, sondern auf jedem Platz der Welt genau 16,50 Meter lang sein muss (soviel dazu, dass der 16 Meterraum, 16 Meter lang ist. Das gleiche gilt übrigens für den Fünfmeterraum direkt vor dem Tor: 5,50 Meter!). Auf einem kleinen Platz würde ein Oliver Kahn bestimmt ohne Probleme vom eigenen Strafraum per Handabschlag aufs Tor schießen können. Ob er dann vielleicht ein bisschen mehr Spaß im Spiel hätte??

Die zweite Sache ist mir ein echtes Rätsel: Wen interessiert es, wie groß eine Eckfahne ist? Natürlich ist auch das von der FIFA geregelt worden. Dass diese Fahnen oben nicht spitz sein dürfen, verstehe ich sogar noch. Denn oft genug benutzen die Spieler diese Dinger als Jubelobjekt und damit keiner seine eigenen Mitspieler - geschweige denn seine Gegenspieler - aufspießen kann, sind die oben glatt. Aber warum muss eine Eckfahne größer als 1,50 Meter sein? Ich habe hin und her überlegt, gegoogelt, gewikipediat, ich habe sogar im Regelbuch nachgeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass es dafür einfach keine Erklärung gibt. Das ist halt so und Basta! Nach oben hin sind der Größe der Eckfahnen übrigens keine Grenzen gesetzt. Wenn man sich anschaut, wofür schon überall Werbung gemacht wird, wundert es mich allerdings, dass es noch keine extra-langen Eckfahnen der längsten Praline der Welt gibt.

Werbung nicht neben, sondern auf dem Platz

Das wäre ohnehin mal ein ganz neuer Ansatz. Werbung nicht neben, sondern auf dem Platz. Man könnte Torpfosten bekleben ("Auf uns können Sie sich verlassen"-Versicherung) und die Spielfeldbegrenzung bewerben ("Bleiben Sie 'drin'"-Internetanbieter). Leider machen die Regeln meiner großartigen Geschäftsidee einen Strich durch die Rechnung: Tore müssen weiß oder silbern sein und dürfen - genau wie die Begrenzungslinien – eine Größe von 12 Zentimetern nicht übersteigen. Tja, das kann dann wohl keiner lesen.

Bleibt mir zu sagen, dass es im Fußball eine ganze Menge merkwürdiger Abmessungen gibt, deren Herkunft nicht immer eindeutig zu bestimmen ist. Aber egal ob 9,15 m, 2,44 m oder 1, 50 m: Ohne sie wäre Fußball nicht dieser „über alle Maße erhabene“ Sport.

Gelbe und Rote Karte von Ruth Moschner (April)

Passives Abseits von Barbara Schöneberger (März)

Abseits von Vera Int-Veen (Februar)